Kreutterbuch

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Der Kodex Kentmanus der Herzogin Anna Amalia Bibliothek in Weimar als Vorlage für das fürstliche Kräuterbuch

Johannes Kentmann hatte bereits während einer peregrinatio medica, also eines Studienaufenhalts in Italien vom 19. September 1547 bis zum September 1549, in dessen Verlauf er zum Doktor der Medizin promoviert wurde, etwa 200 ganzseitige Aquarellzeichnungen seltener Pflanzen in Italien angefertigt und diese anschließend nach Sachsen mitgebracht.[1] Sie sind heute Teil des sogenannten Kodex Kentmanus der Weimarer Herzogin Anna Amalia Bibliothek, der auch andere Zeichnungen des Arztes und seines Sohnes Theophil enthält.[2] Zurück in Sachsen, begann Johannes die Pflanzenbilder in zwei Abschnitten zu je hundert Bildern anzuordnen, die er „Zenturien“ nannte. Zu den meisten der Pflanzenillustrationen verfasste er anschließend auch Kommentare, die er in einem eigenen Textteil mit einem Verweissystem auf die Seitenzahlen der Pflanzenbilder zusammenfasste. Die Erläuterungen sind von außerordentlichem Wert, weil sie Aufschlüsse über zeitgenössische naturkundliche Tätigkeiten und die Kultur der Zeit geben.

Im Gegensatz zu den Darstellungen des fürstlichen Kräuterbuchs kennzeichnen sich Kentmanns italienische Aquarelle in erster Linie nicht durch ästhetisch-künstlerische Qualitäten, sondern vielmehr durch wissenschaftlichen Anspruch aus, der die botanischen Merkmale so gut es ging verdeutlichen sollte. Kentmann hatte während seines Italienaufenthalts zahlreiche Gelegenheiten, 

 

[1] Für die folgenden Ausführungen siehe Dominic Olariu: „Johannes Kentmann und der Kodex Kentmanus. Bilder im Netzwerk der Naturkunde im 16. Jahrhundert”, in: Jürgen Herzog (Hg.): Johann Kentmann und die Torgauer Gärten, Markkleeberg: Sax-Verlag (im Druck); Sachiko Kusukawa: „Image, Text and Observatio: The Codex Kentmanus“, in: Early Science and Medicine 14, 2009, S. 445–475; Johannes Helm: Johannes Kentmann 1518–1574. Ein sächsischer Arzt und Naturforscher (Sudhoffs Archiv. Zeitschrift für Wissenschaftsgeschichte, Beiheft 13), Wiesbaden 1971.

[1] Kodex Kentmanus, MS Fol 323; „Zenturien” und Kommentare: fol. 9r–138r.

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im nordalpinen Raum kaum bekannte Pflanzen abzuzeichnen. Er hielt sich lange Zeit in Padua auf, wo kurz zuvor, im Jahr 1545, ein botanischer Garten inauguriert worden war, nach jenem 1543 in Pisa gegründeten immerhin der zweite Europas. Ihm wurde ferner die Ehre zuteil, den Garten ab Mai 1548 in Abwesenheit des Präfekten für mehrere Wochen zu leiten. Außerdem unternahm er regelmäßig Reisen in verschiedene Gegenden Italiens und zeichnete die interessante Flora ab. Selbst nach seiner Rückkehr in Deutschland hielt Kentmann noch wenig bekannte Pflanzen, die er auf Wanderungen in Sachsen entdeckte, zeichnerisch fest und fügte sie seinen beiden „Zenturien“ hinzu. Die beiden Zenturien mit Pflanzenzeichnungen und ihre Kommentare können erst nach März 1551 endgültig fertiggestellt worden sein, da Kentmann beschreibt, wie die violetten Blüten einer aus Apulien als Samen mitgebrachten Lunaria in seinem Garten Ende dieses Monats aufgingen.[1]

Kentmanns Pflanzenzeichnungen erweckten unmittelbar nach seiner Heimkehr aus dem Süden großes Aufsehen aufgrund ihrer Einzigartigkeit. Mehrere der bedeutendsten Botaniker des deutschsprachigen Raums im 16. Jahrhunderts bemühten sich sie zu sehen. Zu den bekanntesten Persönlichkeiten zählen die Koryphäen Conrad Gessner aus Zürich, der Tübinger Leonhart Fuchs, beide Mediziner, und der Nürnberg Apotheker Georg Öllinger, die für ihre Zwecke Illustrationen der „Zenturien“ kopieren ließen. Es ist daher nicht verwunderlich, dass Kentmann auch für sein an Kurfürst August adressiertes Kräuterbuch auf einen Großteil seiner italienischen Aquarelle zurückgriff, die nicht nur in Fachkreisen Berühmtheit erlangt

hatten, sondern auch tatsächlich mehrere Pflanzen abbildeten, für die im deutschsprachigen Raum und vermutlich darüber hinaus schlichtweg keine anderen Bildquellen existierten.

[1] MS Fol 323, fol. 124v. Die den beiden „Zenturien“ auf Titelblättern vorangestellte Jahreszahl „1549“ gibt nur den Zeitpunkt an, als Kentmann begann, die Pflanzenbilder zu ordnen und die zugehörigen Erläuterungen niederzuschreiben.

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Unter diesen Illustrationen ragt insbesondere Kentmanns Darstellung einer Tulpe hervor (Abb. 1), die Kentmann Tulipa turcica nannte und die David Redtel nahezu unverändert wiedergegeben hat (fol. 76v). Sie gilt als die älteste Darstellung einer Tulpe überhaupt. Die Blume lässt sich als Wilde Tulpe, Tulipa sylvestris, identifizieren. Die heutige Forschung geht davon aus, dass diese Art ursprünglich in Nordafrika und Südeuropa beheimatet war. Zu Kentmanns Zeit war ihr Aussehen nördlich der Alpen unbekannt. Kentmann hielt sie zweifellos für eine der Tulpenarten, über die wir unterrichtet sind, dass sie aus dem nahen Orient stammen und in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts in großen Massen nach Europa importiert wurden. Deshalb nannte Kentmann sie „Türkentulpe“. Die Tatsache aber, dass Kentmann von der Einfuhr von Tulpen aus dem Osten wusste,

dokumentiert, dass diese spätestens 1549 Italien erreicht hatten. Eine Untersuchung der genauen Anzahl von Redtels Nachbildungen steht noch aus. Immerhin lässt sich auf eindeutige Kopien verweisen, die zum einen den häufigen Rekurs auf die italienischen Zeichnungen belegen und zum anderen annehmen lassen, dass just diese Pflanzen in Sachsen unbekannt waren – andernfalls hätte Redtel sie vermutlich nicht übernommen.

[1] Zur Tulpe Kentmanns, s. jüngst Anastasia Stefanaki et al.: „The Story of the Tulip That Went Wild: Tracing the History of Introduction of Tulipa Sylvestris in Sixteenth-Century Europe”, in: Scientific Reports. https://doi.org/10.21203/rs.3.rs-1124163/v12021) <30.12.2021>. Die Entstehungsdaten der Tulpendarstellungen von Fuchs in Tabelle 1 müssen später datiert werden.

[1] GRIN Taxonomy for Plants: https://web.archive.org/web/20150924131200/http://www.ars-grin.gov/cgi-bin/npgs/html/tax_search.pl?Tulipa+sylvestris <30.12.2021>.

[1] Zur Geschichte der Tulpe in Europa, siehe Mike Dash: Tulipomania. The story of the world’s most coveted flower and the extraordinary passion it aroused, London 1999, der allerdings die Umstände um Kentmanns Tulpe nicht korrekt wiedergibt; Anna Pavord: Die Tulpe. Eine Kulturgeschichte, Frankfurt a. M. 2001.

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Obwohl Redtel sich bemühte, den Zeichenstil der Vorlagen künstlerisch aufzuwerten, indem er leichte Veränderungen vornahm und mehr Plastizität und neue Details einfügte, hängen unter anderem folgende Blätter voneinander ab: Charaties (Umbilicus horizontalis), in Italien einheimisch (Abb. 2); Recht Hauslob aus Alexandria (Aeonium arboreum), laut Kentmann aus Alexandria mitgebracht (Abb. 3); Indianische Feigen (Opuntia), laut Kentmann aus Indien stammend (Abb. 4); Gel Wolriechend Narzissus, eine zweite Illustration einer Wildtulpe, die Kentmann nicht als solche erkannt hatte und zu der Redtel sicher auf Anweisung Kentmanns die Blütenknospen richtig hinzufügte (Abb. 5); Dreierley klein Leberblum, deren obere zwei Kentmann in Italien, die untere in Ungarn abgezeichnet hatte (Abb. 6); den rechten Stängel der Gros Leberblum, die Kentmann in Meißen gezeichnet hatte (Abb. 7); Rhabarbarum, den Kentmann in Rom gezeichnet hatte (Abb. 8).

[1] Es wird zunächst die Fol.-Zahl in den „Zenturien“, dann im kurfürstlichen Kräuterbuch genannt: 72r–217v, 74v–177r, 78r–35r, 82v–67r, 73r-260v; 73v-260r; 93v-256r.